Der Kirschgarten

Wer war Anton Tschechow? 

Historischer Hintergrund zum Stück

Anton Tschechow (1860-1904)

wurde am 29.01.1860 geboren, und zwar in einem Ort namens Taganrog, nach einem Wikipedia Eintrag „südrussisch“, nach dem Textbuch von „Der Kirschgarten“ in der Ukraine. Nachdem sich die staatlichen Zugehörigkeiten leider auch in unserer Zeit immer wieder gewaltsam verschieben, gehen wir nicht näher auf „russisch“ oder „ukrainisch“ ein.

Tschechows Vater war ein ehemaliger leibeigener Bauer und Teile seiner Geschichte sind vielleicht in der Figur des Lopachin dargestellt. Auch seine Mutter stammte aus einer ehemals leibeigenen Bauernfamilie. Der Vater betrieb einen kleinen Laden, aber durch die schlechte wirtschaftliche Lage wuchsen die sechs Kinder in armen und  beengten Verhältnissen auf. Anton Tschechow beschrieb später seinen streng religiösen Vater als despotisch und autoritär, der in seiner Musikbegeisterung seine Kinder zu täglichen Gesangsstunden zwang.

Trotz der schwierigen finanziellen Lage wurde den Kindern eine solide Allgemeinbildung ermöglicht. Anton Tschechow besuchte bis zum Abschluss 1879 das Gymnasium im Taganrog. Schon als Schüler zeigte sich sein Interesse an Literatur und Theater und sein ausgeprägter Humor. Die Brüder besuchten diverse Vorstellungen im Taganroger Stadttheater und inszenierten zu Hause lustige Amateurstücke. Nachdem sein Vater auf Grund des Bankrotts seines Ladens nach Moskau geflohen und die Mutter mit den jüngeren Geschwistern nachgekommen war, lebte Anton alleine und auf sich selbst gestellt, und finanzierte sein Leben bis zum Abitur mit Nachhilfestunden. Nach dem Abitur erhielt er ein Stipendium und zog für ein Medizinstudium nach Moskau, das er 1884 abschloss.

Bereits als Jugendlicher schrieb Anton Tschechow Geschichten, Anekdoten und Miniaturen,  später bezeichnete er in Briefen die Zeit zwischen 1878 und 1880 als Beginn der schriftstellerischen Tätigkeit. Die ältesten Publikationen, die heute noch erhalten sind, stammen aus dem Jahr 1880.

Die ärmlichen Verhältnisse und die redaktionellen Vorgaben und nicht zuletzt die Zensur, die in den 80er Jahren, nach der Ermordung des Zaren Alexander II. noch zunahm, erschwerten seine Arbeit. Bis er 1884 seine Zulassung als Arzt erhielt, veröffentlichte er unter verschiedenen Pseudonymen über zweihundert Erzählungen und  Feuilletons, u.a. die heute noch bekannten, satirisch geprägten Kurzgeschichten „Tod des Beamten“, „Auf See“ oder „Chirurgie“.

In Woskressensk (heute Istra) bei Moskau, wo sein Bruder als Lehrer eine geräumige Dienstwohnung hatte, begann Anton Tschechow seine Tätigkeit als Arzt. Da die wenigsten Patient_innen in der finanziellen Lage waren, die Behandlung zu bezahlen, arbeitete er praktisch ehrenamtlich, das Einkommen für seinen Lebensunterhalt verdiente er als Schriftsteller. Die Tätigkeit als Arzt wiederum diente oft als Stoff für seine Werke. Die Sommermonate der Jahre 1885 bis 1887 verbrachten die Tschechows auf dem Landgut Babkino nahe Woskressensk, das einer befreundeten Familie gehörte. Später schrieb Tschechows Bruder Michail in seinen Erinnerungen, dass die landschaftliche Schönheit der Umgebung von Babkino maßgebend für die Blütezeit des Schaffens von Anton gewesen sein muss. Nach einer weniger produktiven Zeit reiste er 1889 nach Sibirien – mit der Eisenbahn nach Jaroslawl, mit dem Flußdampfer nach Perm und weiter mit Pferdekutschen - und auf die Pazifik-Insel Salachin, um über die Zwangsarbeit auf der Gefangeneninsel zu berichten. Er besichtigte Gefängnisse und behandelte, wo es ging, Kranke.

Nach den Strapazen dieser Reise verschlechterte sich sein Gesundheitszustand – bereits 1884 hatten sich die ersten Symptome der Tuberkulose gezeigt. Zur Erholung reiste Tschechow im Frühjahr 1891 ins europäische Ausland und besuchte u.a. in Wien, Venedig, Florenz, Rom und Paris.

1892 zog er mit seiner Familie in ein damals völlig verwahrlostes Landgut südlich von Moskau und  behandelte dort die Bauern, meistens wieder kostenlos. Ebenfalls ehrenamtlich koordinierte er dort die prophylaktischen sanitären Maßnahmen gegen die drohende Ausbreitung einer Cholera-Epidemie.

Als Schriftsteller widmete er sich ab den 1890er Jahren vermehrt dem Theater. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt 1897 reiste er auf medizinischen Rat an die französische Mittelmeerküste und später auf die Halbinsel Krim. Dort litt er allerdings unter der Trostlosigkeit des provinziellen Lebens, zur Zerstreuung verfolgte er mit zunehmendem Interesse die Nachrichten über die Studentenproteste und politischen Unruhen in Moskau, die sich als erste Anzeichen der Revolution über das ganze Land ausbreiteten. 1898 fuhr er trotz seines sich verschlechternden gesundheitlichen Zustands nach Moskau, wo er auch bei Proben einer Neuinszenierung der „Möwe“ im Moskauer Kunsttheater anwesend war . Dort lernte er unter anderem die Schauspielerin Olga Knipper kennen, die später oft die Titelrolle in seinen Stücken spielte und die er 1901 heiratete.

Er blieb auch nach der Heirat auf der Krim - die Eheleute sahen sich selten – auch seine Theaterstücke „Drei Schwestern“ und „Der Kirschgarten“ schrieb er dort.  Zwischendurch versuchte er erfolglos, durch Auslandsreisen das Fortschreiten der Tuberkuloseerkrankung aufzuhalten. Sein letzter öffentlicher Auftritt war eine Autorenehrung im Moskauer Kunsttheater anlässlich der Premiere seines letzten Stücks „Der Kirschgarten“ im Jänner 1904. 

Historischer Hintergrund zum Stück

 

Nach Russlands Niederlage im Krimkrieg (1853-1856 zwischen Russland und dem Osmanischen Reich mit den Verbündeten Frankreich, Großbritannien und Sardinien-Piemont)  begann Alexander II mit Reformen. Vor allem die Aufhebung der Leibeigenschaft der Bauern, die 80 der Bevölkerung ausmachten, stieß auf großen inneren Widerstand. Die Leibeigenschaft bedeutete nicht nur das Verfügungsrecht des Herrn über die Person des Bauern sondern war auch mit zahlreichen Dienstleistungen für die adeligen Grundbesitzer verbunden, die von Leibzins bis zu willkürlichem Frondienst reichten. Eigeninitiative, rationellere und effektivere Bewirtschaftung und soziale Veränderungen waren nicht möglich. Nach fünfjähriger Beratung wurde 1861 das Manifest über die Aufhebung der Leibeigenschaft unterschrieben. Dem folgte ein Gesetz zur Landzuteilung an die Bauern. Allerdings waren die Landanteile sehr klein und waren zusätzlich von vornherein finanziell belastet, weil die Bauern die Entschädigung, die der Staat den Grundbesitzern bezahlt hatte, innerhalb von 49 Jahren an den Staat zurückzahlen mussten. Dadurch wurde die Lage der Bauern sogar noch schwieriger. Die Bevölkerung wuchs, die Landwirtschaft arbeitete weiter wenig effektiv, das hatte immer wieder Hungersnöte zur Folge. Die Bauern waren zwar nicht mehr von den Grundbesitzern abhängig, aber von einer großen Schuldenlast.

Für die Industrialisierung hätte der Staat Kapital benötigt. Die Adligen wurden aber nur sehr zögernd Unternehmer, und aus der Bauernbefreiung konnte kein Geld lukriert werden. Daher baute der Staat mangels Alternativen selbst eine kapitalistische Industriewirtschaft auf, gründete Staatsbetriebe und unterstützte Unternehmer finanziell. Durch hohe Importzölle sollte ausländische Konkurrenz ausgeschlossen werden. Regierungsbanken wurden gegründet, um westliches Kapital zu importieren. Vor allem der Eisenbahnbau wurde durch ausländisches Kapital ermöglicht. Durch den Eisenbahnbau wuchs die Schwerindustrie und der Maschinenbau und es begann ein industrieller Aufschwung. Dennoch blieb Russland ein Agrarland, das Nationaleinkommen bestand zu 53 Prozent aus der Landwirtschaft und zu 21 Prozent aus Industrie.

Weitere Reformen betrafen Zensurerleichterungen und Autonomie der Bildungseinrichtungen. Dadurch konnte sich eine Opposition formieren, die vom europäischen Ausland unterstützt, statt der Leibeigenschaft Sozialismus forderte oder statt der Verfassung Anarchie. Eine der oppositionellen Gruppierungen war für die Ermordung Alexanders II 1881 verantwortlich.

Geprägt durch die Ermordung seines Vaters, regierte Alexander III. autokratisch, lehnte Reformen ab und stärkte die Armee und die Geheimpolizei.

Auf dem Berliner Kongress 1878 scheiterte Russland mit der Idee eines Groß-Bulgarien im Sinn des Panslawismus, der Vereinigung aller slawischen Völker unter russischer Herrschaft.

Von 1891 bis 1901 wurde die Transsibirische Eisenbahn zwischen Wladiwostok und Tscheljabinsk gebaut und 1896 die Transmandschurische Eisenbahn, was zu Konflikten und 1904 zum Krieg mit Japan führte. Nach Russlands Niederlage kam es zu großen Demonstrationen, die erste Russische Revolution nach dem  „Petersburger Blutsonntag“ 1905 erlebte Anton Tschechow nicht mehr.